Effektive Mikroorganismen beim Hund: Probiotika für natürliche Darmgesundheit & Immunsystem

Verdauungsprobleme gehören zu den häufigsten Beschwerden in der Tierarztpraxis. Ob Blähbauch, wechselnde Kotkonsistenz, wiederkehrender Durchfall oder unerklärliche Unverträglichkeiten: Der Magen-Darm-Trakt vieler Hunde reagiert zunehmend sensibler.

Dabei gehen die Auswirkungen eines gestörten Verdauungssystems weit über bloßes Bauchgrummeln oder Durchfall hinaus. Müdigkeit, stumpfes Fell, Juckreiz und eine erhöhte Infektanfälligkeit sind oft stille Begleiter einer geschwächten Darmbarriere. Langfristig kann eine solche Dysbiose (Fehlbesiedlung des Darms) chronische Entzündungsprozesse im gesamten Körper begünstigen und das Immunsystem nachhaltig schwächen.

Die Lösung liegt nicht in der reinen Symptombekämpfung, sondern in der Pflege des Mikrobioms – der Gesamtheit aller Bakterien im Darm. Hier rücken Effektive Mikroorganismen (EM) als natürlicher Ansatz zur Regulation in den Fokus.

Was sind Effektive Mikroorganismen (EM)?

Ursprünglich in Japan von Prof. Teruo Higa für die Landwirtschaft entwickelt, haben Effektive Mikroorganismen ihren Weg in die Gesundheitsvorsorge von Mensch und Tier gefunden. Dabei handelt es sich um eine flüssige Mischkultur aus verschiedenen, in der Natur vorkommenden Bakterienstämmen und fermentaktiven Pilzen.

Die Entstehung von EM: Wie so viele bahnbrechende Errungenschaften in der Wissenschaft begann auch die Geschichte der Effektiven Mikroorganismen mit einem Zufall. In den frühen 1980er Jahren forschte Prof. Dr. Teruo Higa auf Okinawa nach natürlichen Alternativen zu chemischen Düngemitteln. Eines Tages schüttete er Reste verschiedener Bakterienkulturen, statt sie wie üblich im Abfluss zu entsorgen, auf ein Stück Wiese auf dem Campusgelände. Als er kurze Zeit später an eben dieser Stelle vorbeikam, machte er eine verblüffende Beobachtung: Das Gras wuchs dort deutlich üppiger, vitaler und kräftiger als in der gesamten Umgebung. Dieser Moment markierte die Geburtsstunde der EM-Technologie. Higa erkannte, dass nicht ein einzelner isolierter Bakterienstamm, sondern die synergetische Mischung verschiedener Mikroorganismen der Schlüssel zu gesundem Wachstum und Regeneration ist – ein Prinzip, das sich heute nicht nur im Boden, sondern auch im Darm unserer Hunde bewährt.

Die wichtigste Eigenschaft dieser Mischung ist die Symbiose. Die enthaltenen Mikroorganismen – vorwiegend Milchsäurebakterien, Hefen und Photosynthesebakterien – leben in einem Gleichgewicht, bei dem sie sich gegenseitig mit Stoffwechselprodukten (wie Vitaminen, Enzymen und Antioxidantien) versorgen.

Das Prinzip der Dominanz

EM wirken nach dem sogenannten Dominanzprinzip. In jedem Milieu (ob im Boden oder im Hundedarm) gibt es drei Gruppen von Mikroben:

  1. Aufbauende Mikroorganismen (regenerativ/positiv)
  2. Abbauende Mikroorganismen (degenerativ/krankmachend)
  3. Opportunisten (Mitläufer)

Die "Mitläufer" stellen die größte Gruppe dar. Sie schließen sich immer der Seite an, die gerade in der Überzahl ist. Werden dem Darm nun hochkonzentrierte positive Mikroorganismen (EM) zugeführt, ziehen sie die neutralen Mitläufer auf ihre Seite. Das pathogene (krankmachende) Milieu wird verdrängt, und ein gesundes Gleichgewicht entsteht.

EM und Probiotika: Wo liegt der Unterschied?

Der Begriff „Probiotika“ (von altgriechisch pro bios = „für das Leben“) bezeichnet lebende Mikroorganismen, die einen gesundheitlichen Vorteil bewirken, wenn sie in ausreichender Menge im Darm vorhanden sind.

Effektive Mikroorganismen sind eine Form von flüssigen Probiotika bzw. Synbiotika (da sie oft auch Stoffwechselprodukte der Fermentation enthalten). Zu den wichtigsten Bestandteilen in EM zählen:

  • Milchsäurebakterien (LactobacillusBifidobacterium): Regulieren den pH-Wert im Darm und verdrängen Fäulnisbakterien.
  • Hefen (Saccharomyces): Produzieren Vitamine und Enzyme, die die Verdauung unterstützen.

Warum sind Mikroorganismen für Hunde wichtig?

Etwa 70–80 % der Immunzellen sitzen im Darm (GALT – Gut Associated Lymphoid Tissue). Eine gesunde Bakterienflora bildet eine Schutzschicht auf der Darmschleimhaut, verhindert das Eindringen von Allergenen und Toxinen in die Blutbahn (Leaky-Gut-Syndrom) und produziert essenzielle Nährstoffe wie Vitamin K und B-Vitamine. Studien an Hunden zeigen, dass der Einsatz von Lactobacillus-Stämmen die Kotqualität verbessern und die Population von Immunzellen im Blut positiv beeinflussen kann (vgl. Baillon et al., 2004).

Die verschiedenen Formen von EM

Für Hundehalter ist die Unterscheidung der Produkte wichtig, um das richtige Mittel zu wählen:

  • EM-Urlösung: Das hochkonzentrierte Ausgangsprodukt. Es dient primär dazu, selbst größere Mengen EM herzustellen. Für die direkte Einnahme meist nicht gedacht und im Verhältnis teuer.
  • EM-1 / EM-Blond: Die Basisvarianten, die oft auch zur Einnahme geeignet sind (auf Lebensmittelzulassung achten).
  • EM-Aktiv (EM-a): Dies ist die bereits "aktivierte", vermehrte Form. Sie ist kostengünstig und vielseitig einsetzbar (Fellpflege, Haushalt, Garten). Zur innerlichen Einnahme sollte auf Produkte geachtet werden, die speziell als Ergänzungsfuttermittel oder Nahrungsergänzungsmittel deklariert sind (oft als fermentierte Kräuterauszüge).

Anwendungsbereiche beim Hund

Die Einsatzmöglichkeiten sind vielfältig und reichen von der inneren Darmsanierung bis zur äußeren Wundpflege.

1. Innerliche Anwendung (Darm & Immunsystem)

Die orale Gabe zielt auf die Neubesiedlung und Pflege des Darmmikrobioms ab. Dies ist besonders sinnvoll nach Wurmkuren, Antibiotikagaben oder bei futtersensiblen Hunden.

  • Dosierung & Einschleichen:

    Der Organismus sollte langsam an die neuen "Mitbewohner" gewöhnt werden. Es empfiehlt sich, mit einer kleinen Menge (z. B. ½ Teelöffel) zu beginnen und diese über 1–2 Wochen auf die Enddosis zu steigern.

    • Kleine Hunde: ca. 1 TL bis 1 EL täglich.
    • Große Hunde: ca. 1–2 EL täglich.
  • Art der Gabe:

    Da EM sauer riechen (wie Sauerkrautsaft), werden sie von vielen Hunden anstandslos über das Futter gefressen. Für mäkelige Fresser kann die Flüssigkeit mit etwas Joghurt, Leberwurst oder Thunfischsaft gemischt werden.

  • Der beste Zeitpunkt:

    Erfahrungsgemäß ist die Gabe am Abend sinnvoll. Nachts kommt der Verdauungstrakt zur Ruhe, die Magensäurekonzentration sinkt, die Peristaltik verlangsamt sich, und die Mikroorganismen haben mehr Zeit, sich an der Darmwand anzusiedeln.

  • Hinweis zum Material:

    Es hält sich hartnäckig die Empfehlung, EM nicht mit Metalllöffeln in Berührung zu bringen, um Oxidationsprozesse zu vermeiden. Auch wenn kurzer Kontakt meist unproblematisch ist, wird zur Sicherheit die Verwendung von Keramik-, Glas- oder Plastiklöffeln empfohlen.

2. Äußerliche Anwendung (Haut, Fell und Wundheilung)

Das Hautmikrobiom profitiert ebenfalls von positiven Bakterien. EM schaffen auf der Haut ein Milieu, das Pilzen und schädlichen Bakterien die Lebensgrundlage entzieht, das natürliche Hautmilieu unterstützt und so auch zu besserer Wundheilung beitragen kann kann.

  • Fellpflege:

    Eine Verdünnung von EM-Aktiv mit Wasser (ca. 1:5 oder 1:10) in einer Sprühflasche eignet sich zur Pflege. Das Einsprühen kann Gerüche neutralisieren, sorgt für Glanz und kann Juckreiz lindern. Der säuerliche Geruch verfliegt nach wenigen Minuten.

  • Wundversorgung:

    Bei kleineren Kratzern, Liegeschwielen oder Hotspots können EM-Tropfen oder spezielle EM-Salben aufgetragen werden. Die antioxidative Wirkung unterstützt die Zellregeneration und kann die Wundheilung beschleunigen.

Auf einen Blick: Wann sind EM sinnvoll?

Effektive Mikroorganismen können als kurmäßige Anwendung oder dauerhafte Begleitung in folgenden Bereichen unterstützen:

  • Darmsanierung: Nach Antibiotika, Wurmkuren oder Giardien-Befall.
  • Verdauungsprobleme: Bei Blähungen, weichem Kot oder Sodbrennen (Grasfressen).
  • Mundhygiene: Gegen Zahnstein und Maulgeruch (einfach ins Maul sprühen, die Zähne damit putzen oder abreiben).
  • Hautprobleme: Bei Juckreiz, Schuppen oder Hefepilzbefall auf der Haut.
  • Wundheilung: Zur Unterstützung natürlicher Heilprozesse der Haut.
  • Verhaltensauffälligkeiten: Manche Hunde, die draußen Unrat oder Kot fressen (Pica-Syndrom), zeigen dieses Verhalten aufgrund eines Nährstoffmangels oder einer Dysbiose. Hier kann die Optimierung der Darmflora zu einer Besserung führen.

Fazit

Effektive Mikroorganismen sind kein Wundermittel, das Krankheiten über Nacht verschwinden lässt. Sie sind jedoch ein mächtiges Werkzeug der Natur, um das biologische Gleichgewicht im Hundekörper wiederherzustellen. Ein gesunder Darm ist die Basis für Vitalität – und EM sind die Gärtner, die diesen Boden pflegen.

Quellen & Studien

  1. Baillon, M.L. et al. (2004). Effects of probiotic Lactobacillus acidophilus strain DSM13241 in healthy adult dogs. American Journal of Veterinary Research. (Belegt positive Effekte auf Kotqualität und Immunsystem). https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/15027683/
  2. Gómez-Gallego, C. et al. (2016). A canine-specific probiotic product in treating acute or intermittent diarrhea in dogs: A double-blind placebo-controlled efficacy study. Vet Microbiol. 2016 Dec 25;197:122-128. doi: 10.1016/j.vetmic.2016.11.015. Epub 2016 Nov 17. PMID: 27938673. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/27938673/
  3. Kelley, R.L. et al. (2009). Clinical benefits of probiotic canine-derived Bifidobacterium animalis... for acute diarrhea. Veterinary Therapeutics. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/20037966/

Rechtlicher Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information über die Pflege des Mikrobioms. Er ersetzt keine tierärztliche Diagnose oder Behandlung. Bei akuten oder chronischen Magen-Darm-Erkrankungen sollte immer Rücksprache mit einem Tierarzt gehalten werden.

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